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Krimi-Workshop:
Die Anleitung
Überblick:
1. Wie aus
dem Rätsel, das der Detektiv lösen muß, eine spannende
Geschichte wird
(zurück nach oben)
Als Erfinder
der Detektivgeschichte gilt der Amerikaner Edgar Allan Poe. Seine
Erzählungen "Der Mord in der Rue Morgue" und "Der
entwendete Brief", die beide in Paris spielen, waren ganz auf
die Figur von Auguste Dupin zugeschnitten, der das kriminalistische
Rätsel allein dank seiner überragenden Verstandeskräfte
lösen konnte und so zum Vorbild für Sherlock Holmes, Hercule
Poirot und andere Meisterdetektive wurde.
Die klassischen
Detektivgeschichten, die Poes Muster folgten, wurden als "puzzle
stories" bezeichnet, weil die Ermittler verstreute Details
finden mußten, um sich ein Bild vom Tathergang und vom Täter
zu machen. Die Lösung des Rätsels bestand dann in einer
Indizienkette, die den Verbrecher überführte oder zum
Geständnis zwang.
Mit der Zeit
wurde jedoch Kritik am Muster der "puzzle stories" laut:
Zum einen entfernten sich die verschrobenen Rätsel dieser Geschichten
immer weiter vom Alltagsverstand und von jenen Verbrechen, die es
in Wirklichkeit gab. Zum anderen stellten die Filmemacher in Hollywood,
die auf der Suche nach spannenden Geschichten waren, fest, daß
es ziemlich langweilig war, Meisterdetektive beim Denken zu beobachten.
Es gab einfach zu wenig zu sehen, es gab zu wenig "action".
So entstand
in den USA eine neue Schule des Kriminalromans, die sog. "hard
boiled school". Ihre bekanntesten Vertreter waren Dashiell
Hammett, ein ehemaliger, hart gesottener Detektiv, der die Realität
von Verbrechern und Ermittlern aus eigener Erfahrung kannte - und
Raymond Chandler, ein Drehbuchautor, der wußte, wie man Spannnung
erzeugt. Hammett und Chandler ersetzten die "puzzle story"
durch die "novel of suspense". Ihre Helden heißen
Philipp Marlowe und Sam Spade; ihre Geschichten wurden häufig
verfilmt.
Der Detektiv
kann in einer "novel of suspense" nicht mehr pfeiferauchend
im Lehnstuhl sitzen, er muß sich an die Fersen der Verdächtigen
heften und in die "Höhle des Löwen" vordringen.
Und da diejenigen, die "Dreck am Stecken" haben, am liebsten
alles "unter den Teppich kehren" würden, muß
der Ermittler "Staub aufwirbeln", um Bewegung in den Fall
zu bringen - "stirring things up" - sagen die Amerikaner
dazu.
Auch in der
Erzählweise unterscheidet sich die "novel of suspense"
von der "puzzle story". Übernahm die Rolle des Erzählers
dort zumeist der Gehilfe des Detektivs - z.B. Dr. Watson -, so muß
der Ermittler jetzt selbst zum Erzähler werden und scheinbar
unmittelbar schildern, was ihm zustößt. Die Leser befinden
sich so stets auf der Höhe des Geschehens, ohne das Ende der
Geschichte zu kennen.
Da die Hauptfigur
einer "novel of suspense" in den meisten Fällen mit
äußerst gefährlichen Gegnern aneinander gerät
und der Leser diese Bedrohung des Helden intensiv miterlebt, muß
er sich um den Detektiv echte Sorgen machen. All das: das offene
Ende, die Unmittelbarkeit der Erzählweise und die Bedrohung
des Helden tragen erheblich zur Spannung (englisch: "suspense")
bei.
Doch nicht
nur der Detektiv riskiert sein Leben, auch für seine Widersacher
geht es um Kopf und Kragen. In den Geschichten der "hard boiled
school" wird die Auseinandersetzung zwischen Gut und Böse
daher stets auf ein kompromißloses Entweder-Oder zugespitzt.
Da nur eine Seite die Kraftprobe bestehen kann, muß die andere
untergehen. Und natürlich schlägt sich das Publikum immer
auf die Seite des Helden.
Dieser Held
muß übrigens kein professioneller Ermittler sein. Ein
Amateur, der wider Willen in Verbrechen verwickelt wird und erst
innere Widerstände zu überwinden hat, bevor er sich der
äußeren Bedrohung erfolgreich widersetzen kann, ist eine
Figur, mit der sich die meisten Menschen viel eher als mit einem
hart gesottenen Detektiv identifizieren können. Viele Filme
von Hitchcock ("Fenster zum Hof", "Der Mann, der
zuviel wußte" oder "Der unsichtbare Dritte")
handeln daher von "Menschen wie Du und Ich", die unverhofft
in die Klemme geraten und sich aus dieser mißlichen Lage nur
befreien können, wenn sie ihr Verhalten grundlegend ändern.
Es ist also
leicht nachzuvollziehen, warum aus der "puzzle story"
die "novel of suspense" geworden ist. Aus dem bloß
intellektuellen Rätsel, das der Detektiv vom Lehnstuhl aus
lösen kann, muß eine spannende Geschichte, muß
ein zwischenmenschlicher Konflikt werden, der das Publikum emotional
packt und mitreißt.
- der Ermittler
muß - ob Profi oder Amateur - zum Handlungsträger werden
- der Ermittler
muß sich in Gefahr begeben und "Staub aufwirbeln"
- der Ermittler
muß auf Widersacher stoßen, die niemals klein beigeben
Kurzum, die
Detektion - die Aufdeckung des Verbrechens - muß zu einer
bedingungslosen Auseinandersetzung, zu einer Interaktion im Sinne
der Konfrontation werden.
Heutzutage
kennt jeder Mensch so viele spannende Geschichten in der Tradition
der "hard boiled school", daß man die Muster oft
nur noch zitieren, also in ironischen Anführungszeichen benutzen
kann. Das ist auch in unserem Beispieltext der Fall, in dem die
zentrale Konfrontation auf eine alltägliche Auseinandersetzung
"heruntergefahren" wurde. [Beispiel
1]
2.
Wie Spannung aus der Figuren- und Handlungsentwicklung entsteht
(zurück
nach oben)
Was für
die Detektivgeschichte gilt, trifft im Prinzip auf alle spannenden
Erzählungen zu und läßt sich daher aus den allgemeinen
Gesetzen der Dramaturgie ableiten:
Das griechischer
Wort "Drama" bedeutet einfach "Handlung". Jede
Handlung setzt Handlungsträger, also Figuren, voraus, und es
gehört nicht viel Phantasie dazu, sich vorzustellen, daß
eine Handlung umso spannender wird, desto mehr für die einzelnen
Figuren "auf dem Spiel steht". [Beispiel
2]
Wenn das Spiel
nun eine Art Wettkampf ist, in dem lediglich ein Handelnder zum
Ziel gelangen kann, so daß seine Widersacher "auf der
Strecke bleiben" müssen, nimmt die Auseinandersetzung
unvermeidlich an Schärfe - und damit auch an Spannung - zu.
Das Publikum
wiederum kann Wetten über den Ausgang des Kampfes abschließen
und wird dabei in aller Regel auf den Spieler setzen, der zugleich
Handlungs- und Sympathieträger ist. So kommt zu der Spannung,
die aus dem Kampfgeschehen hervorgeht, die Spannung auf den Ausgang
der Wette und die Sorge um den Sympathieträger hinzu. [Beispiel
3]
Statt von der
Hauptfigur, dem Helden oder dem Sympathieträger kann man auch
vom "Protagonisten" der Geschichte sprechen; seine Widersacher
werden dann "Antagonisten" genannt. [Beispiel
4]
Worauf es beim
Erzählen ankommt, ist jedenfalls der Konflikt, in den Protagonist
und Antagonist verwickelt werden. Mindestens ebenso wichtig ist
es jedoch, das Publikum zur Parteinahme in diesem Konflikt zu bewegen
- und das geschieht durch den Erzähler, der seine Sympathien
und Antipathien auf die Leser überträgt.
Das Medium
dieser Übertragung ist die Erzählperspektive. Der Verfasser
des Textes kann zum Beispiel in die Rolle des Ich-Erzählers
schlüpfen und die Geschichte so erzählen, als ob er selbst
der Protagonist der Handlung wäre. Oder aber der Verfasser
bedient sich der erlebten Rede, die von der Fiktion lebt, daß
der Held einen inneren Monolog führt, während er äußere
Gefahren besteht. Der Erzähler bleibt dann bei der Er- oder
Sie-Form, doch die Leser nehmen das Geschehen - ähnlich wie
beim Ich-Erzähler - aus der Sicht der Hauptfigur wahr. Folglich
teilen sie auch den parteiischen Blick des Protagonisten auf den
oder die Antagonisten. [Beispiel
5]
Fast alle Erzählungen
beginnen daher damit, daß sich die Hauptfigur dem Leser mit
ihrer Sicht der Dinge vorstellt, bevor die eigentliche Handlung
beginnt. Die Antagonisten kommen erst in den Blick, wenn sich die
Leser auf die Perspektive des Protagonisten eingelassen haben.[Beispiel
6]
Allerdings
erfährt diese Perspektive in dem Moment, in dem die eigentliche
Handlung einsetzt, eine bestimmte Veränderung. Indem der Protagonist
auf Antagonisten trifft, indem er in einen Konflikt verwickelt wird
oder ein Problem lösen muß, nimmt die Erzählung
eine dramatische Wende, kommt der Handlungsverlauf an einen ersten
Wendepunkt.[Beispiel 7]
Das Ereignis,
das diese Wende auslöst, ist oft der Grundeinfall der ganzen
Geschichte. Wenn man weiß, wodurch die Handlung in Gang gesetzt
wird, kann man auch den ersten Wendepunkt der Erzählung benennen
und sich überlegen, was die Leser wissen müssen, bevor
dieses Ereignis eintritt. Im Wendepunkt steckt also der Keim der
weiteren Handlung, die Urzelle der Figurenkonstellation, der Grundeinfall
der Erzählung, doch zuvor müssen die Leser Gelegenheit
erhalten, den Helden und die Ausgangslage der Geschichte kennen
zu lernen.[Beispiel 8]
Nachdem die
Geschichte den ersten Wendepunkt erreicht hat und der Protagonist
mit dem oder den Antagonisten konfrontiert worden ist, führt
der Konflikt zu weiteren Verwicklungen und Auseinandersetzungen.
In der Regel führen diese Komplikationen zu einer regelrechten
Krise im Leben des Helden. [Beispiel
9]
Der zweite
Wendepunkt ergibt sich dann beinahe zwangsläufig aus dieser
Steigerung. Denn wenn der Held am Scheitel der Krise angelangt ist
und der Konflikt seinen Höhepunkt erreicht hat, muß eine
Entscheidung entweder zu seinen Gunsten oder zu Gunsten seiner Widersacher
fallen. [Beispiel 10]
Der ganze Mittelteil
der Erzählung zwischen dem ersten und dem zweiten Wendepunkt,
dem Höhepunkt der Geschichte, lebt von der zunehmenden Verwicklung
des Konfliktgeschehens, in dessen Verlauf die Spannung beständig
zunimmt, weil die Krise auf eine Entscheidung zustrebt, von der
weder die Betroffenen noch die Leser genau sagen können, wie
sie ausgeht. [Beispiel 11]
Der Schluß
der Geschichte schildert dann, wie diese Entscheidung ausfällt
und welche Folgen sie für die Betroffenen hat. Am Ende müssen
somit alle Fragen beantwortet sein, die sich aus dem Handlungsverlauf
ergeben. [Beispiel 12]
Das folgende
Schaubild zeigt, warum man von einem Spannungsbogen spricht:
Protagonist
<-> Antagonist = Konfrontation/Konflikt -> Komplikation
-> Krise -> Konfliktlösung
Anfang ->
Wendepunkt -> Mittelteil -> Höhepunkt -> Ende
Besonders interessant
sind übrigens solche Geschichten, bei denen der äußere,
interpersonale Konflikt des Protagonisten mit einem oder
mehreren Antagonisten von einem inneren, intrapersonalen
Konflikt überlagert wird. Um seine Widersacher zu überwinden,
muß der Held dann nämlich erst einmal über seinen
eigenen Schatten springen. Genau das macht ihn zum Sympathieträger,
denn da alle Leser aus ihrer Erfahrung wissen, wie schwierig es
ist, über den eigenen Schatten zu springen, drücken sie
einer Figur, die diese Herausforderung annimmt, stets die Daumen.
[Beispiel 13]
3.
Wie der Spannungsbogen in einen Handlungsplan übersetzt wird
(zurück nach oben)
Bisher wurde
ein allgemeiner Handlungsbogen skizziert, der aus dem Anfang, dem
ersten Wendepunkt, dem Mittelteil, dem zweiten Wende- oder Höhepunkt
und dem Ende der Geschichte besteht. Zugleich wurde gezeigt, daß
sich dieser Spannungsbogen aus der gemeinsamen Entwicklung von Figuren
und Handlung, d.h. aus dem Konflikt zwischen der Hauptfigur und
ihren Widersachern ergibt - ein Konflikt, in dessen Verlauf, der
Held nicht nur äußere, sondern auch innere Widerstände
überwinden muß.
Jetzt kommt
es darauf an, diesen Spannungsbogen in einen Handlungsplan ("plot")
zu übersetzen, der Schritt für Schritt beschreibt, was
im einzelnen wie erzählt werden soll. Beides ist wichtig:
die Ereignisfolge und die Art und Weise ihrer erzählerischen
Vermittlung. Zu beantworten sind also folgende Fragen:
- wer ist
die Hauptfigur, der Sympathieträger der Geschichte?
- wie wird
er in die Geschichte verwickelt?
- wo und wann
spielt diese Geschichte
- welche Gefahren
und Gegner begegnen dem Helden im Verlauf der Geschichte?
- worin besteht
der Kern des Problems oder des Konflikts, das der Held lösen
muß?
- wie hängen
seine inneren und äußeren Schwierigkeiten zusammen?
- wie werden
sie überwunden?
- was ist
das Ergebnis der Geschichte?
- Und: aus
welchem Blickwinkel wird das alles überhaupt erzählt?
[Beispiel
14]
Erst wenn man
diese Fragen beantwortet hat und genau weiß, wohin die Geschichte
den Helden, den Erzähler und die Leser führen soll, kann
man mit dem Schreiben beginnen. Geschichten werden sozusagen "von
hinten nach vorn" aufgerollt. Das wußte übrigens
schon Edgar Allan Poe, der in seinem Essay "Die Philosophie
der Komposition" schrieb:
"Nichts
ist klarer als daß jeder Handlungsplan, der diesen Namen verdient,
von der Auflösung her ausgearbeitet werden muß, bevor
man zu schreiben beginnt. Denn nur wenn man die Auflösung ständig
vor Augen hat, kann man einer Handlung den unverzichtbaren Anschein
von Folgerichtigkeit geben."
Beim Zurückrollen
vom Ende zum Anfang der Geschichte geht der Verfasser sogar noch
über den Zeitpunkt hinaus, an dem die Erzählung einsetzt.
Denn selbst, wenn man den Spannungsbogen "raus" hat, weiß
man ja noch nicht, warum sich die Figuren ausgerechnet so und nicht
anders verhalten. Um diese Frage zu beantworten zu können,
muß man sich eingehend mit der Vorgeschichte von Protagonist
und Antagonist beschäftigen. [Beispiel
15]
4.
Wie der Handlungsplan mit der Vorgeschichte der Figuren zusammenhängt
(zurück nach oben)
Im Englischen
nennt man die Vorgeschichte "back story". Das ist ein
sehr treffender Ausdruck, weil "back" nicht nur "hinter",
sondern auch "Rücken" heißt. Die "back
story" umfaßt alles, was eine Figur "hinter"
sich bzw. "auf dem Buckel" hat, bevor die Erzählung
beginnt, das heißt: die "back story" stärkt
dem Erzähler den "Rücken", weil sie ihn mit
all den Informationen versorgt, die er braucht, um zu entscheiden,
wie sich eine Figur an den entscheidenden Wendepunkten des Geschehens
verhält. [Beispiel 16]
Diese Informationen
sind jedoch nicht mit den Motivationen der Figur zu verwechseln.
Um als Antrieb des Handelns wirksam zu werden, müssen Motive
stets gegenwärtig sein, müssen sie sich aus der Handlung,
die im Vordergrund der Erzählung steht, ergeben. Die Art und
Weise jedoch, wie eine zum Handeln motivierte Figur agiert, hängt
von ihrer Vorgeschichte, von ihrem Lebenshintergrund ab. Eine andere
Figur würde anders handeln und damit auch eine andere Geschichte
erleben. [Beispiel 17]
Eine unterhaltsame
Methode zur "back story" zu kommen, ist das Interview.
Man stellt seinen Protagonisten und Antagonisten einfach solange
Fragen, bis man sie in- und auswendig kennt. Am Anfang werden die
Figuren nur einsilbig Auskunft geben und wenig mehr als ihre äußeren
Lebensumstände verraten. Doch wenn der Interviewer weiter bohrt,
plaudern sie mit der Zeit ihr ganzes Innenleben aus.
Hier einige
Fragen, die Protagonist und Antagonist unbedingt beantworten sollten:
- wann und
wo wurdest du geboren?
- welche Kindheitserlebnisse
haben dich nachhaltig geprägt?
- was möchtest
du am liebsten tun?
- welche Eigenschaften
wirken auf dich sympathisch oder unsympathisch?
- wie sieht
deine Wohnung aus?
- worin besteht
deine größte Angst?
- wer ist
dein schlimmster Feind?
- warum stehst
du auf dieser Seite des Konflikts?
[Beispiel
18]
Das "Interview"
ist also ein Selbstgespräch, bei dem man sich in die Rolle
der Figuren versetzt und damit eine gute Vorübung für
das eigentliche Geschichten-Erzählen. Am Ende des Selbstgespräch
meint man oft, tatsächlich eine fremde Stimme zu hören,
einen bestimmten Tonfall, der die Figur treffend charakterisiert.
Und genau dann ist die Einbildung soweit, daß man den Worten
Taten folgen lassen kann.
5.
Wie man vom Handlungsplan zur Rohfassung gelangt
(zurück nach oben)
Wer den Handlungsplan
("plot") und die Vorgeschichten ("back story")
des Protagonisten und der Antagonisten kennt, kann das ganze Geschehen
überblicken und das Drama in einzelne Szenen zerlegen. Entscheidend
ist, daß die Szenen eine folgerichtige Handlung ergeben, daß
sie sich nachvollziehbar auseinander entwickeln - von der Ausgangslage
zum ersten Wendepunkt, und von den Verwicklungen, die sich daraus
ergeben, bis zum Höhepunkt, an dem die Entscheidung darüber
fällt, wie die Geschichte endet.
Um die Folgerichtigkeit
und Nachvollziehbarkeit der Geschichte zu gewährleisten, faßt
man die Geschichte zunächst einmal in einigen, wenigen Sätzen
zusammen:
- Der erste
Satz erläutert die Ausgangslage der Geschichte, wem sie zustößt
und wer sie erzählt.
- Der zweite
Satz betrifft den ersten Wendepunkt der Geschichte, besagt also,
was dem Helden zustößt und womöglich aus der Bahn
seines gewohnten Lebens wirft. Er enthält den Grundeinfall
der Geschichte.
- Der dritte
Satz schildert die Verwicklungen oder Auseinandersetzungen, die
sich zwischen dem ersten und dem zweiten Wendepunkt der Geschichte
ergeben, wenn Protagonist und Antagonist aufeinander stoßen.
Später kann man diesen Satz in zahlreiche Untersätze
aufgliedern, zunächst kommt es nur auf die Richtung der Verwicklung
an.
- Der vierte
Satz betrifft den zweiten Wendepunkt der Geschichte, besagt also,
was dem Helden am Tiefpunkt seiner persönlichen Krise bzw.
auf dem Höhepunkt der Figuren- und Handlungsentwicklung zustößt
(und warum er sich ändern muß, um seine inneren und
äußeren Widerstände zu überwinden).
- Der fünfte
Satz schildert das Ergebnis der Geschichte.
[Beispiel
19]
Wer seine Geschichte
in diesen fünf Sätzen zusammenfassen kann, hat sie "im
Griff". Nunmehr kommt alles darauf an, die Leser zu fesseln.
Dazu muß die Geschichte als sinnliches Erlebnis inszeniert
wird. Das gelingt in dem Maße, in dem man sich auf die begrenzte
und parteiische Sicht der Hauptfigur, auf ihre Empfindungen und
Gedanken einläßt, was wiederum voraussetzt, daß
man ihre Art zu fühlen und ihre Weise zu denken, also ihre
"back story" kennt. Ein introvertierter Mensch sieht die
Dinge eben anders als ein extrovertierter Mensch, die männliche
Weltanschauung unterscheidet sich von der weiblichen, alte und junge
Menschen haben verschiedene Ansichten vom Leben usw.
Der Handlungsplan
("plot") geht somit in einer kurzen Zusammenfassung der
Geschichte auf, die nun - unter Rückgriff auf die "back
story" - ausgeführt, d.h. in Szene gesetzt werden muß.
Jede Szene
spielt zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort und
wird aus einem bestimmten Blickwinkel wahrgenommen. Wenn man weiß,
wo sich der Ich-Erzähler befindet und was er
empfindet, kann man sich die Szene "ausmalen".
[Beispiel 20]
Genauso wichtig
wie das "Ausmalen", ist jedoch der Übergang von einer
Szene zur nächsten, gewissermaßen die "Kamerafahrt",
die der Erzähler vor dem geistigen Auge der Leser ablaufen
läßt, damit aus den zahlreichen Einzelaufnahmen und Detaileinstellungen
- den Sätzen und Absätzen des Textes - ein zusammenhängendes
Bild des ganzen Dramas entsteht. [Beispiel
21]
Entscheiden
muß man dabei auch, ob eine Szene zur Hauptsache von verbalen
oder von non-verbalen Handlungen lebt, ob es sich also um eine Dialogszene,
um "action" pur oder um eine Mischform handelt. Zu beachten
ist dabei, daß Worte Taten sind. Vor allem das Streitgespräch
macht klar, daß auch die zwischenmenschliche Kommunikation
Interaktion im Sinne der Konfrontation sein kann. [Beispiel
22]
Das Erzählen
kommt also durch ein ständiges Hin- und Herlaufen zwischen
Handlungsplan und Vorgeschichte, Szenenfolge und Zusammenfassung
zustande. Erst wird ein "plot" entworfen, damit man das
ganze Geschehen folgerichtig bis zum Schluß der Geschichte
überblicken kann. Dann rollt man die Handlung von hinten nach
vorne, über den Anfang der Erzählung zurück bis zur
"back story", und schließlich stellt man die Erzählperspektive
auf die einzelnen Szenen des Dramas ein, spult das Geschehen also
wieder vom Anfang bis zum ersten Wendepunkt und über die Verwicklungen
im Mittelteil bis zum Höhepunkt der Handlung ab, bevor der
Spannungsbogen am Ende der Erzählung abflacht. [Beispiel
23]
Hat man die
Rohfassung erst einmal "im Kasten" sollte man sich den
einzelnen Einstellungen nochmals im Detail widmen, verunglückte
Szenen umschreiben und neue einschieben, falls dies aus dramaturgischen
Gründen notwendig ist. Hier und da muß die Szenenfolge
umgestellt werden, da und dort wird man Rohmaterial wegschneiden
müssen, damit jenes Wechselspiel von Zeigen und Verschweigen
entsteht, von dem alle Inszenierungen - ob auf der Bühne, im
Film oder im Kopftheater des Lesers - leben. [Beispiel
24]
Der Erzähler
darf nämlich nicht zuviel verraten. Die Schlußfolgerungen
aus den Sinneseindrücken, die seine Perspektive vermittelt,
müssen stets dem Publikum überlassen bleiben. Nur wenn
sich die Leser mit ihren eigenen Empfindungen und Gedanken an der
Figuren- und Handlungsentwicklung beteiligen können, wird die
Erzählung für sie zu einem spannenden Erlebnis.
6.
Wie die Rohfassung überarbeitet wird
(zurück nach oben)
Damit ist bereits
angedeutet, daß die Überarbeitung der Rohfassung zu einem
beträchtlichen Teil aus Kürzungen besteht. Alle Erzähler
neigen am Anfang dazu ihre Geschichte solange auszuwalzen, bis den
Lesern gar nichts mehr zu tun übrigbleibt. Statt Lektürelust
entsteht so Lektürefrust.
Als Faustregel
der Überarbeitung gilt daher: weniger ist mehr! Allerdings
dürfen die Kürzungen nicht dazu führen, daß
die Geschichte nicht mehr nachvollziehbar wird. Es empfiehlt sich
daher, mit der Schlußredaktion der Erzählung solange
zu warten, bis man den eigenen Text mit fremden Augen sehen kann
- mit den Augen eines unvoreingenommenen Lesers.
Helfen kann
einem bei dieser Leseprobe die folgende Checkliste:
- Ist der
Ich-Erzähler wirklich ein Sympathieträger?
- Wird seine
Motivation klar?
- Werden seine
äußeren und inneren Schwierigkeiten deutlich?
- Können
die Leser die Lösung dieser Schwierigkeiten nachvollziehen?
- Werden auch
die Beweggründe der Widersacher verständlich?
- Besitzt
die Geschichte wirklich einen Spannungsbogen oder "hängt
sie durch"?
- Stockt der
Erzählfluß etwa, weil es noch ungelenke Formulierungen
gibt?
- Ist der
Anfang der Geschichte nicht zu langatmig?
- Steigert
sich die Geschichte zu einem Höhepunkt?
- Sind die
Wendepunkte tatsächlich überraschend?
- Macht es
bis zum Ende Spaß, die Geschichte zu lesen?
- Entsteht
beim Lesen ein Wechselspiel von Zeigen und Verschweigen?
Wer all diese
Fragen mit Ja beantworten kann, hat vermutlich eine sehr spannende
Geschichte geschrieben - eine Geschichte, die wir vom LiteraturBüro
gerne lesen würden. Aber auch wer Kritik und Anregungen hat,
wie man diesen Workshop verbessern kann, sollte uns eine eMail
schicken.
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