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Beate
Sauer
Chemie-Unfall
Verdammt...
Wiebke starrte auf den Boden
unter ihrem Tisch im Chemiesaal,
wo sie vor einer knappen viertel Stunde ihr Schwimmzeug abgestellt
hatte. Dort, wo sich ein grauer, etwas zerlumpter Stoffbeutel hätte
befinden sollen, der ihren Badeanzug und einige Handtücher
enthielt, breitete sich nun kahl und blank das Linoleum aus. Wütend
stopfte Wiebke das Jerry Cotton
Heft "Der teufliche Plan der Mafia" unter die Bank.
Sie hatte es am Morgen zwischen den Sitzen der U-Bahn gefunden und
bisher darin gelesen hatte, um die Langeweile der Schulstunden etwas
erträglicher zu gestalten.
Wenn
sie Jerry Cotton wäre, würde sie nun ihren Colt zücken
und von der letzten Bankreihe,
in der sie saß, hinunter zum Pult marschieren. Dort würde
sie Fischer beiseite schieben, ohne das merkwürdige Molekül-Gebilde
zu behalten, das er in den Händen hielt und offenbar aus dem
übervollen Gemüsebeutel
stammte, der an seinem Pult lehnte. Jerry Cotton würde keinen
Blick an Blumenkohl und Molekül-Gebilde verschwenden, wenn
er sich vor dem Pult postieren, den Colt in Anschlag bringen und
ganz cool fragen würde: "Wer
hat mein Schwimmzeug geklaut?"
Leider war
Wiebke nicht Jerry Cotton... Gedankenverloren zupfte sie an ihrem
Schlabber-Pullover und nagte an ihrer Unterlippe. Es war wirklich
scheiße... Heute mußte
sie schwimmen... Ihre letzte Gelegenheit, in Sport nicht auf
eine Sechs abzurutschen... Bisher hatte sie - teils weil sie das
verchlorte Wasser verabscheute, teils aus einem gewissen Ehrgeiz
heraus, wie weit sie gehen konnte
- immer neue Entschuldigungen erfunden, um dem Schwimmen zu entgehen.
Wenn sie jetzt sagte "jemand hat mein Schwimmzeug geklaut"
würde ihr das die Sportlehrerin niemals abnehmen.
Jeder in der
Klasse hatte gewußt, daß sie heute schwimmen mußte...
Mit niedergeschlagenen Augenlidern versuchte Wiebke unauffällig,
ihre Mitschülerinnen und Mitschüler in den Bankreihen
unter ihr zu beobachten. Die
Girlies am Fenster - Mareike, Sabina und Anna - verabscheuten sie,
das war klar, beruhte jedoch auf Gegenseitigkeit. Gut möglich,
daß die ihre Schwimmsachen geklaut hatten, um ihr eins auszuwischen.
Täuschte sie sich oder bedachte Mareike sie nicht mit einem
schadenfrohen Blick? Jedenfalls flüsterten und kicherten die
drei verdächtig miteinander. Und Jens? Jens
war ein Idiot, der, wo er nur konnte, Ärger verursachte.
Wiebke schien es, als ob er rasch zu ihr herüberblickte und
nun betont interessiert in seinem Chemiebuch blätterte.
Jerry Cotton
würde in einer solchen Situation erst einmal den
Tathergang rekonstruieren... Also, was hatte sie getan, nachdem
sie den Beutel mit dem Schwimmzeug unter ihrem Tisch abgestellt
hatte? In Gedanken spielte Wiebke
noch einmal die fraglichen Minuten durch. Nachdem sie den Beutel
verstaut hatte, war sie zur Tür des Chemiesaals gegangen, um
nach Thorsten Kramer, ihrem Schwarm
aus der 12b Ausschau zu halten. Die 12b hatte Sport, und Thorsten
mußte auf dem Weg zur Turnhalle am Chemiesaal vorbeikommen.
Mußte er eigentlich... Doch statt Thorsten war Fischer von
seiner Pinkel-Pause zurückgekehrt und hatte sie in den Chemiesaal
gescheucht... Zwei, drei Minuten hatte sie höchstens an der
Tür gewartet... Wiebke erinnerte sich, während dieser
Zeit einmal kurz in den Saal geblickt und bebachtet zu haben, wie
sich die Girlies in der letzten Bank herumgedrückt hatten.
Jens saß ohnehin direkt in der Reihe vor ihr... Jerry
Cotton würde also kombinieren: Ihr Schwimmzeug mußte
während der zwei bis drei Minuten verschwunden sein, während
derer sie an der Tür gestanden hatte. Und natürlich die
üblichen Verdächtigen daran schuld.
Okay... Die
Tatzeit hatte sie also eingegrenzt... Blieb
noch die entscheidende Frage, wo die Beute versteckt war. Wiebke
ließ ihren Blick durch den Raum schweifen, wo sich unter ihr,
wie in einem Amphitheater, mit Pult und Tafel als Bühne, die
Bänke erstreckten, an denen ihre Mitschülerinnen und Mitschüler
saßen. Beiläufig registrierte sie, daß Fischer
nun irgendwelche Formeln an die Tafel malte und etwas über
die Zusammensetzung von Stickstoffdioxid wissen wollte. Die
Beute mußte sich irgendwo innerhalb dieses Raumes befinden.
Denn weder Jens noch die Girlies hatten ihre Schwimmsachen an ihr
vorbei geschmuggelt, während sie an der Tür stand.
Wiebke überlegte
flüchtig, ob einer der potentiellen Verdächtigen die Beute
aus dem Fenster geworfen haben könnte, verwarf diesen Gedanken
jedoch sofort wieder. Seit letzter Woche streikte das elektronische
Fensteröffnungs-System in diesem Teil der Schule. Die Fenster
ließen sich seitdem nicht mehr öffnen. Die Wandschränke
waren verschlossen. Hinter die Tabelle mit dem Perioden-System der
Elemente und hinter die Tafel ließ sich beim besten Willen
kein Schwimmzeug klemmen. Daß die potentiellen Täter
die Beute einfach unter einen Tisch gestopft hatten, war unwahrscheinlich,
schließlich mußten sie damit rechnen, daß sie
dort am Ende der Stunde leicht zu entdecken sein würde.
Und daß
der mögliche Täter oder die Täterin das Schwimmzeug
in der Büchertasche eines Mitschülers oder einer Mitschülerin
versteckt hatte? Auch ziemlich unwahrscheinlich... Wiebke hatte
so etwas wie eine respektierte
Außenseiter-Position in der Klasse inne. Die anderen würden
sich zwar kein Bein ausreißen, um ihr zu helfen, würden
aber wohl auch nicht daran mitwirken, sie ins Verderben zu reiten.
Blieben also noch die Schultaschen der Girlies und die von Jens
übrig...
Wiebke nickte
nachdenklich. Jerry Cotton würde jetzt seinen Colt entsichern
und sich, unter Einsatz seines Lebens, daran machen, die Beute im
feindlichen Gangsterhauptquartier aufzuspüren. Sie wartete
einen Moment ab, in dem Fischer wieder der Klasse den Rücken
zuwandte, um einige Zahlen an die Tafel zu schreiben, stieg auf
ihren Stuhl und beugte sich vor, um die Büchertaschen der Girlies
einige Reihen weiter vorn in Augenschein zu nehmen. Mist... Alle
drei hatten diese Mini-Rucksäcke, in denen sich bestenfalls
ein Heft, ein Buch und ein Stift aber niemals ein dickes Badetuch
würde unterbringen lassen. Fischer drehte sich zur Klasse um,
und Wiebke ließ sich blitzartig auf ihren Stuhl fallen. Blieb
noch die Büchertasche von Jens... Sie war, soweit Wiebke wußte,
groß genug, um darin ihr gesamtes Badezeug spurlos verschwinden
zu lassen.
Wiebke
paßte wieder einen Moment ab, in dem Fischer an der Tafel
beschäftigt war. Dann ließ sie sich vorsichtig von ihrem
Stuhl und dem Podest, auf dem ihr Tisch stand, gleiten und kroch
auf dem Boden entlang, bis sie den Tisch, an dem Jens saß,
erreicht hatte. Dort angelangt hob sie den Kopf. Jens schien völlig
gebannt Fischer zu lauschen, der nun etwas von Stickstoffdioxid
und Wasser erzählte. Wiebke richtete den Oberkörper auf,
griff nach Jens´ Tasche, die an seinem Stuhl lehnte und zog sie
langsam bis an den Rand des Podestes. Die Tasche stand einen Spalt
offen... Wiebke drückte die beiden Taschen-Seiten behutsam
auseinander, bis sie ins Innere blicken konnte. Einige Ringordner,
Bücher, Hefte... alles mögliche, nur keine Badetücher
und kein Badeanzug. Verdammt... Wiebke wollte langsam den Rückzug
antreten.
In
diesem Moment jedoch schrie Jens so laut er konnte: "He,
was soll denn das? Was machst du denn da an meiner Tasche?"
Wiebke richtete
sich in Zeitlupen-Tempo auf, bis sie neben dem Podest zu stehen
kam. Alle Köpfe hatten sich
zu ihr umgedreht. Wiebke gelang es, nicht zu erröten und
Fischer, der ihr jetzt vom Pult her entgegenkam, kühl in die
Augen zu blicken: "Mein Stift ist mit heruntergefallen... Ich
habe ihn gesucht..."
Fischer
musterte sie unfreundlich: "Anstelle auf dem Boden herumzukriechen,
solltest du besser dem Unterricht folgen. Komm
mal mit zur Tafel..."
Das hatte ihr
gerade noch gefehlt... In Gedanken schob Wiebke Jerry Cottons Colt
wieder unter den Pullover und trottete hinter Fischer her. Als sie
an Mareike, Sabina und Anna vorbeiging, wurde sie mit höhnischen
Blicken bedachten. Wiebke beschloß, die drei vollständig
zu ignorieren. Es galt, in der
Niederlage Haltung zu bewahren... Nur bitter, daß der
einen Niederlage nun gleich eine zweite folgen würde...
Wiebke blieb
neben dem Pult stehen. Fischer, der vor die Tafel getreten war,
winkte sie ungeduldig näher. Langsam umrundete sie das Pult,
machte einen möglichst großen Bogen um den gefüllten
Marktkorb. Jede Sekunde, die sie Zeit gewinnen konnte, erschien
ihr plötzlich sehr wichtig. Nun gab es kein Verzögern
mehr. Sie stand vor Fischer. Er drückte ihr eines der Blumenkohl-artigen
Gebilde in die Hände, von denen sich mittlerweile eine ganze
Reihe auf dem Pult angesammelt hatte, und sagte: "Na, Wiebke,
jetzt erkläre uns doch einmal wie Salpetersäue entsteht."
"Ähm,
ja Salpetersäure..." Wiebke starrte auf das Gebilde nieder.
Sie wußte noch nicht einmal, was Salpetersäure war. Woher
sollte sie dann wissen, woraus dieses Zeug bestand? Sie unternahm
noch einen halbherzigen Versuch, wissend, daß sich das Unvermeidliche
nicht länger hinausschieben ließ: "Ja, ähm
Salpetersäure besteht aus einer Säure und Salpeter und..."
Einige in der Klasse kicherten.
"Tja Wiebke,
anstatt in der letzten Bank vor dich hinzuschlafen, solltest du
doch vielleicht einmal dem Unterricht folgen..." Wiebke
nahm Fischers Sarkasmen äußerlich ungerührt zur
Kenntnis. Vor ihrem inneren Auge sah sie Jerry Cotton, der Fischer
und den Girlies, die sich natürlich köstlich amüsierten,
Handschellen anlegte, damit ihnen das Lachen verginge. Nur schade,
daß der teuflische Plan
der Mafia in ihrem Fall aufzugehen schien...
Fischer gab
Wiebke ungnädig zu verstehen, daß sie sich entfernen
könne, begann, etwas davon zu erzählen, daß Ammoniak
mit Sauerstoff reagierte und mit Pfeilen versehene Kreise an die
Tafel zu malen.
Wiebke, die
sich schon ein Stück entfernt hatte, trat fasziniert näher.
... Dann hatte sie eine Erleuchtung.
Gedankenbruchteile verbanden sich miteinander. Ihr Schwimmzeug mußte
im Chemiesaal sein. Fenster und Schränke waren verschlossen.
Und es befand sich weder in der Büchertasche von Jens noch
in der der Girlies... Es konnte nur einen Ort geben, wo es versteckt
war... Sie zögerte.
Jerry Cotton würde die Beute unter Einsatz seines Lebens mitten
aus dem feindlichen Gangsterhauptquartier bergen... Das, was sie
jetzt tun mußte, war ebenso schlimm, wie sich dem Mafia-Paten
persönlich zu stellen. Sie
gab sich einen Ruck... Sie mußte tun, was getan werden
mußte...
Wiebke
machte einige Schritte auf das Pult zu und
stolperte über den Gemüsekorb. Er kippte um. Sein
Inhalt ergoß sich über den Boden. Fischer schrie auf.
Wiebke murmelte Entschuldigungen, fischte ihren Beutel aus einem
Gemenge von zerbrochenen Eiern, Milchspritzern, Kartoffeln, Zwiebeln
und Blumenkohlstücken und preßte ihn fest an sich.
Während
Wiebke zu ihrem Platz ging, grinste sie zufrieden vor sich hin und
zeigte Mareike, Sabina und Anna, die sie mit wütenden Blicken
bedachten, unauffällig den Mittelfinger.
Sie war mindestens ebenso gut wie Jerry Cotton...
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