|
Anna Kropp
Eine schwere Entscheidung
Die Nacht war
sternenklar und ruhig. Fast lautlos glitt die "Eta" über
das schwarze Wasser. Nur ab und zu brachen sich Wellen am Bug des
Dreimasters und rissen Devon aus seinen Träumen. Sein Blick
ging in die Ferne, weg von Schiff und Meer und all den Ängsten,
die er mit der Seefahrt verband.
Ein Husten
hinter ihm, ließ ihn herumfahren. Erleichtert atmete er auf.
"Ina,
was tut ihr hier?" Sie blickte ihn an, bleich und kalt.
"Devon,
ich möchte dich um einem Gefallen bitten." Er nickte.
Sie stellte sich an die Reling und sah hinab auf das dunkle Meer.
Dann sagte sie ohne ihn anzusehen:"Ich möchte, daß
du mich vor meiner Trauung erschießt." Sie sagte es sachlich
und ohne Gefühl. Er verschluckte sich und begann zu husten.
Sie wartete bis er sich beruhigt hatte.
"Und tust
du es?" Ungläubig und entsetzt starrte er in die blauen
leeren Augen seiner Herrin. Er schüttelte den Kopf. Ihre Augen
blitzten auf.
"Warum
nicht?" Ihr Tonfall war trotzig und ein Anflug von Ärger
schwang darin mit.
"Das könnt
ihr unmöglich von mir verlangen."
Schweigend
sahen sie sich an, bis er den Blick abwenden musste.
"Warum
nicht?" wiederholte sie leise.
"Ich kann
es nicht. Unmöglich." Er starrte auf seine nackten Füße.
"Devon,
ich ich...", sie brach ab und schwieg. Eine Zeitlang herrschte
Stille, jeder hing seinen Gedanken nach, bis Ina das Wort ergriff:
"Devon,
ich kenne dich seit meinem sechsten Lebensjahr. Wir haben miteinander
gespielt, wir sind zusammen aufgewachsen. Du bist der Einzige auf
der "Eta", dem ich vertraue. Wenn du mir treu ergeben
bist, wirst du es tun."
"Warum?",
krächzte er mit erstickter Stimme.
"Devon,
bist du denn wirklich so blind? Wenn ich Per heirate, werde ich
welken wie eine Blume, die weder Wasser noch Licht bekommt. Per
ist kalt. Und ich lebe allein von meiner Freiheit und meinen Gefühlen.
Und das nimmt er mir."
"Dann
heirate ihn nicht!" sagte er, doch er wusste die Antwort bereits.
"Du weißt,
daß das unmöglich ist Devon. Per ist für mich bestimmt
worden."
In Gedanken
sah Devon Per vor sich. Das kalte Blitzen in den braunen Augen.
Der dunkle, volle Bart, das lange, filtzige Haar, der muskulöse
Körper, das bösartige Lachen. Er schauderte. Per war gefühllos
und unnachgiebig. Was er nicht bekam, holte er sich mit Gewalt.
Er tötete nach Belieben, es bereitete ihm Spaß, Menschen
leiden zu sehen. Dann wanderte sein Blick zu Ina. Sie war klein
und zierlich gebaut. Sie war sanft und zart, brauchte Liebe und
Geborgenheit um zu leben- vor allem aber ihre Freiheit. Bei Per
würde sie nichts von alledem erhalten. Und trotzdem konnte
er es nicht.
"Verzeiht
mir, aber ich kann es nicht." Er wandte sich ab und ließ
sie alleine zurück....!
Die Tage vergingen
und Inas Bitte verfolgte Devon bis in seine Träume.
Er ging ihr
aus dem Weg, wich jedem Gespräch mit ihr aus und zog sich zurück.
Er war unkonzentriert und aggressiv.
Es war eine
Woche später, als ein schriller Schrei die Mittagsruhe durchbrach.
Julia, eines der Dienstmädchen, kam mit blassem Gesicht und
roten Augen, aus der Kajüte. Devon lief auf sie zu:
"Julia,
was ist passiert?"
"Die Herrin
hat versucht, sich zu erhängen. Ich konnte sie noch rechtzeitig
vor dem Ersticken bewahren."
Von diesem
Tag an, sah man Ina nicht mehr auf dem Deck des Schiffes spazieren
gehen; Die "Eta" Kurs nahm auf Kurs auf die Küste.
Es war eine
stürmische Nacht, als die "Eta" die Küste erreichte
und alle das Schiff dick eingemummt verließen und auf die
Kirche an den Klippen zustrebten. Unter ihnen auch Devon, Ina und
Per.
Inas langes,
weißes Brokatkleid bauschte sich im Wind auf, der Schleier
flatterte. Sie war bleich und ihr Gesicht wirkte eingefallen.
Devon stöhnte
leise auf und tastete nach dem kalten Metall in seinem Mantel.
Die Trauung
zog sich endlos dahin. Der Pater sah verängstigt hinauf in
die Augen von Per und verhedderte sich immer wieder in seinem Text.
Devon war seltsam
ruhig. Auch als er die Waffe zog und abdrückte.
Sie blieb noch
einen Moment stehen und suchte Devons Blick. Ein lautloses "Danke",
kam über ihre Lippen. Dann sank sie zu Boden und schloß
die Augen um sie nie wieder zu öffnen. Ein Lächeln umspielte
ihre Lippen.
Kein Laut war
zu vernehmen, alle starrten entsetzt auf die Tote. Schweigend nahm
Per sie auf den Arm und verließ, gefolgt von den Anderen,
die Kirche. Der Pater brach bewußtlos zusammen.
Die Seebestattung
verlief in fast völliger Stille.
Die Sonne ging
unter und Devon starrte auf die glitzernde Oberfläche des Meeres.
"Bist
du jetzt glücklich?", flüsterte er und verließ
das Deck.
Am nächsten
Morgen war Devon verschwunden.
|