Texte aus den Little Artur Schreibwerkstätten 2012

Texte aus den Werkstätten von 1998 bis 2011 finden sich hier.

Workshop in Alzey mit Stefan Gemmel

22. und 29. Oktober 2012 in Alzey, Elisabeth-Langgässer-Gymnasium

Werkstattbericht von Stefan Gemmel

„Märchen??“

Überraschte Gesichter in der 6B des Elisabeth-Langgässer-Gymnasiums.

„Sind wir nicht schon ein bisschen zu alt für Märchen?“

Diese Frage hatten wir erwartet. Frau Rath-Winzen, die Unterstufen-Leiterin der Schule, und ich – wir hatten uns im Vorfeld abgesprochen und einige Themen und Möglichkeiten sowie zahlreiche Alternativen gegeneinander abgewägt und waren zu dem Schluss gelangt, dass die eigentliche Schreibaufgabe vielleicht so originell und kreativ ist, dass die Schülerinnen und Schüler sich gern beteiligen würden.

Erst einmal schoben wir das Thema „Märchen“ in den Hintergrund und beschäftigten uns allgemein mit dem Thema „Schreiben“. Gemeinsam führten wir einige Sprachexperimente durch, um ein Gefühl dafür zu bekommen, was Sprache leisten kann und wo ihre Grenzen liegen. Eine lebhafte Diskussion entstand, in deren Verlauf die Kinder ihre Lese-Erfahrungen einbringen konnten. So war der Bogen schnell zum „theoretischen Teil“ des Tages gespannt.

Anhand einer anschaulichen Skizze zeigte ich auf, wie Personen innerhalb einer Erzählung oder eines Romans zueinander stehen. Antagonist – Protagonist – Springer, all dies belegten wir denn auch wieder mit den Büchern, die den Kindern vertraut waren. So kamen wir rasch voran und konnten uns also schließlich dem Thema des Projektes widmen.

„Märchen?“, erklang es wieder durch den Raum.

„Hey, ehrlich jetzt?“

Kurz und knapp tauschten wir unsere Erfahrungen mit Märchen aus und dann konnte ich schließlich eröffnen, dass es keinesfalls darum ging, sich irgendeine Märchengeschichte auszudenken.

„Lasst es uns originell angehen“, schlug ich vor. „Überlegt euch ein Märchen, in dem Ihr selbst einer bekannten Märchengestalt begegnet.“

„Und dann?“, erscholl die Antwort. „Dann überrascht eure Leser mit dem, was Euch einfällt.“

Ein Stein fiel mir vom Herzen, als ich spürte, dass die Kinder positiv auf diesen Vorschlag reagierten. Frau Rath-Winzen und ich hatten ja darauf gehofft, doch mit der überschwänglichen Zustimmung, die mit einem Mal im Raum stand, hatten wir dann doch nicht gerechnet.

Die Schülerinnen und Schüler verstanden, dass ihnen mit der Verwendung einer bereits bekannten Gestalt der Druck genommen wurde, sich selbst alles ausdenken zu müssen. Und dadurch, dass sie als Hauptpersonen auftraten, wurde dieser Effekt noch verstärkt. Alle Kreativität, alle Fantasie, konnte sich allein auf die eigentliche Handlung und die Sprache konzentrieren.

Es brauchte nicht lange und die ersten Seiten wurden gefüllt. Um diese Schreibphasen aufzulockern, fügten wir immer wieder Passagen ein, in denen ich Tipps zum Schreiben gab: der erste Satz / die passende Stimmung / Verstärkung der Spannung / …

Selbst eine Woche später, als wir uns zum zweiten Projekttag trafen, war die Begeisterung noch erhalten geblieben und die Kids verbesserten und überarbeiteten ihre Werke. Dies fiel ihnen leichter, als wir Gruppen bildeten, in denen sich die Schülerinnen und Schüler gegenseitig ihre Texte vorstellten und sich mit konstruktiver Kritik gegenseitig Hilfestellung gaben.

Eine wunderbare Erfahrung – nicht nur für die Kinder. Auch wir Projektbegleiter hatten unseren Spaß – wurden aber auch sehr gefordert. Gerade in der Phase der Überarbeitungen war ich dankbar, dass sich auch die Lehrerinnen zur Verfügung stellten.

Moritz: Ein Abenteuer mit den sechs Zwergen

Johannes: Handy gegen Tierhilfe

Emily & Nele: Wir sind gefangen und kommen hier nicht mehr raus...

Alen: Nanu und ich

Jenny: Was war das

Workshop in Selters mit Uschi Flacke

10. und 11. Dezember 2012 in Selters, Oberwald-Schule

Mit meinem neuen Musicals „Bastian Blue“ habe ich ein „Baukastensystem“ entwickelt, das den kreativen Möglichkeiten von Drittklässler gerecht wird. In diesem Alter sind Kinder nicht in der Lage, sechs Stunden konzentriert an Texten zu arbeiten. Deshalb ist ein fächerübergreifendes Projekt ideal. Ich habe mit den Kindern ein Stück mit szenischen Collagen erarbeitet, das Schreiben, Musik, Bühnenbild, Kostüm und darstellendes Spiel miteinander verbindet.  

In Selters fing ich damit an, nicht nur Songs mit Rockmusiken, sondern auch atmosphärische Kompositionen und Geräusche einzuspielen, die darauf hinzielten, Ideen zum Schreiben anzuregen. Sofort blitzten Einfälle auf, wurden diskutiert und auf das Machbare hin überprüft, denn wir wollten die Ergebnisse ja in der Aula präsentieren.

Die Kinder lernten nicht nur, szenisch und dramaturgisch zu denken, sondern entwickelten auch immer neue Ideen, um noch andere Aspekte in das Stück mit einzubeziehen. Sie lernten z.B., dass Texte eines Erzählers anders geschrieben werden müssen als die eines Nachrichtensprechers, dass eine Elfensprache  sich grundlegend von der eines Müllmonsters unterscheidet. Während ich einzeln mit den Kindern an den Texten arbeitete, bastelten andere Kostüme, ein riesiger Wal wurde aus Styropor ausgesägt und besprüht. Wieder andere lernten mit ungeheurer Lust ihre eigenen Texte auswendig, probten zu den Liedern Choreographien oder überlegten, wer an welcher Stelle den Wal hinein- und herausschieben soll. Wir übten zu sprechen, im Dialog aufeinander zu hören und zu schauspielern.

Ein rundherum kreativer Prozess hatte sich in Gang gesetzt, sodass die Drittklässler tatsächlich am dritten Tag ihr eigenes kleines Stück in der Aula vorführen konnten.

Wir lieben unser Erde

Workshop in Mainz mit Jens Schumacher

30. und 31. Oktober 2012 in Mainz, Gymnasium Oberstadt

Ausflug hinter magische Pforten

Harry Potter, Eragon, Der Herr der Ringen, Die Chroniken von Narnia – Fantasiewelten voller Magie, exotischen Orten und schauerlichen Kreaturen faszinieren nicht nur Kinder und Jugendliche, sondern Leser aller Altersstufen. Aus diesem Grund wählten wir für die 2012er-Schreibwerkstatt am Gymnasium Mainz-Oberstadt das Genre der Fantasy aus, in dem die TeilnehmerInnen sich ausprobieren durften.

Der Workshop richtete sich speziell an Jugendliche ab der 6. Klassenstufe. Unter Einbezug anschaulicher Beispiele aus Literatur und Film bekamen die Teilnehmer eine interdisziplinäre Methode nicht allein zur Sammlung kreativer Ideen vermittelt, sondern auch Hilfen zu deren Strukturierung und schriftlicher Umsetzung. Ziel war die Erschaffung einer eigenen phantastischen Welt, bevölkert mit allerlei märchenhaften und/oder gruseligen Geschöpfen, in der sich eine spannende Geschichte abspielen könnte.

Zwei Tage lang vergrub sich die Schreibgruppe Ende Oktober in der Schulbücherei, um sich literarisch mit dem Mysteriösen, Märchenhaften und Geheimnisvollen auseinanderzusetzen. In diesen Arbeitsphasen sowie vielen zusätzlichen Stunden am heimischen Schreibtisch wurde emsig gezeichnet, konzipiert, skizziert und natürlich geschrieben.

Die Resultate liegen nun vor. Die entstandenen Geschichten sind ebenso unterhaltsam wie spannend geworden, manche humorvoll, andere eher martialisch und/oder actionbetont – ein Spektrum, das die Verschiedenartigkeit und Bandbreite der Teilnehmer widerspiegelt. Die jungen AutorInnen und ich wünschen viel Spaß beim Erkunden all der fremdartigen, phantastischen Orte, die sie sich ausgedacht haben!

Abstecher nach Aropia

Die Reise nach Palea

Die Suche nach dem König

Einmal Meiroa und zurück

Frieden für Livien

Kampf um Digien

Rettung für die Königin

Rückkehr nach Tributia

Tributia in Gefahr

Xantors grosse Queste

Workshops in Kaiserslautern und Ludwigshafen mit Manfred Theisen

4. und 5. September 2012 in Ludwigshafen, Schillerschule

Zeitrahmen: 3.,4. September
Präsentation: 15. September

Die Schillerschule ist eine Förderschule im Brennpunkt Ludwigshafen. 15 Schüler der Jahrgangsstufe 8 nahmen an dem zweitägigen Schreibworkshop teil. Die Schüler hatten erhebliche Schreibprobleme. Daher habe ich erst einmal versucht, die Schreibängste der Schüler zu überwinden.

Die Methode „medial writing“: Ich zeigte ihnen das Video Affe und Waffe.
Eine Gruppe Schwarzafrikaner gibt einem Affen ein Maschinengewehr. Der Affe weiß zuerst nicht, was er mit der Maschinenpistole tun soll, dann aber schießt er und die Gruppe flieht in Panik. Am Ende reißt der Affe in menschlicher Siegerpose die Arme hoch. Die Schüler überlegten spontan, was die Menschen über den Affen gedacht haben mögen und was der Affe über die Menschen dachte. Wir notierten Aussagen der Schüler. Dann setzte sich ein Schüler an den Rechner und fügte diese Aussagen zu einem Text zusammen, der später von zwei anderen Schülern in den Rechner eingelesen und dem Video unterlegt wurde.

Durch weitere Videoanreize gelangten die Schüler zu immer neuen Texten, die sie einzeln und in Gruppen verfassten. Wichtig war dabei der assoziative Umgang mit dem Material. So sahen sie eine Blume, die sich im Wind hin und her wiegt oder einen in einem Glas gefangenen Grashüpfer.

Am zweiten Tag wurden den Schülern weitere Anreize gegeben, während einige Schüler jeweils die Texte einsprachen und mit dem Video unterlegten. Die Gruppen wechselten. Zu den Themen „Keine Ahnung“ und „Meine Oma“ wurden von den Schülern selbst neue Videos produziert. Am Ende blieben einige Schüler bis in den Nachmittag hinein, um selbst noch einmal am Text zu feilen und sich ein gutes Video zu erarbeiten. Schließlich wird die DVD beim Schulfest präsentiert.

Ein Video durfte die Lehrerin einsprechen, schließlich ist sie Teil der Klassengemeinschaft. Es trägt den Titel „Alle Farben“.

Für mich war es wichtig, dass die Schüler nicht nur kreativ Texte schrieben, sondern diese auch den Videos unterlegten. Statt wie sonst passiv vor dem PC zu sitzen, brauchten sie das Gerät um kreativ damit umzugehen. Obendrein waren viele Schüler äußerst schlecht im Lesen und übten durch das mehrmalige Einsprechen vor dem Mikro ihre Lesetechnik. Auch im Endergebnis hört man noch die Schwierigkeiten der Schüler. Verglichen mit ihren anfänglichen Versuchen, ist es jedoch unglaublich, wie sie an sich gearbeitet haben.

20. und 21. November 2012 in Kaiserslautern, Fritz-Walter-Schule

Die Fritz-Walther-Schule ist eine Förderschule. Sechs Schüler im Alter von 11 bis 13 Jahren nahmen an dem zweitägigen Schreibworkshop teil. Die Schüler hatten erhebliche Schreib- und Leseprobleme.

Um ihre Ängste zu überwinden, schauten wir gemeinsam das Video „Farben“. Dies zeigt Menschen, die sich gegenseitig mit Farben besprühen. Die Schüler erzählten frei, was sie auf dem Video sahen. Dann berichteten sie davon, was ihre Lieblingsfarbe ist – und verknüpften die Aussagen schließlich zu einem lockeren gemeinsamen Text, den sie in den Rechner nach der Methode des „medial writing“ einsprachen.

Durch weitere Videoanreize kamen die Schüler zu immer neuen Texten, die sie einzeln oder in Gruppen verfassten. Einige der Schüler schrieben aber auch frei ihre Texte.

Auffallend war bei der Gruppe neben den Schreibhemmungen die Scham, die Texte vorzutragen. Nach und nach jedoch legte sich diese, da sie sich daran gewöhnten ihre Texte ins Mikro zu sprechen.

Da sich die Schüler häufig mit Computerspielen oder Schminkutensilien beschäftigten, haben wir speziell einen Text/Video zum Thema hergestellt, der das Thema ironisch aufgreift („Ich liebe Ballerspiele“).

Für mich war es wichtig, dass die Schüler nicht nur kreativ Texte schrieben, sondern auch die Texte für verschiedene Medien nutzten (Texte zum Lesen/ Texte für Videos) und gleichzeitig durch die Verknüpfung von neuen und alten Medien einen spielerischen Umgang mit der Sprache erprobten („Steine“).