Von der Mühsal der kleinen Schritte
Von Peter Grosz

Geleitet von der jährlich bestätigten Erkenntnis, dass junge Autorinnen und Autoren sich zu selten mit der eher unbewusst angedeuteten Komplexität ihrer Figuren auseinandersetzen und durch fehlende „Bewegtheit“ in Handlung, Sprache, Mimik, Gestik nur behauptete Abziehbilder schaffen, die nur momenthaft interessieren, widmete sich der 3. Schritt zum „Langen Atem“ der Figurenzeichnung. Ausgehend davon, dass Geschichten erzählen heißt, etwas in Gang zu bringen, etwas in Bewegung zu halten, etwas geschehen zu lassen, und ausgehend davon, dass das, was geschieht, nur an der motivierten Bewegtheit der Figuren abgelesen werden kann, galt es, Übungen anzusetzen zur differenzierteren Wahrnehmung und Phantasieanreize zu schaffen zur plastischeren Gestaltung. Wie gewinnt meine Figur unverwechselbare Konturen? Wie schaffe ich einen sinnlich-konkreten Handlungsraum? Wie entsteht Empathie?
Der Workshop ging – anders als zuvor – nicht von bereits vorhandenen eigenen Texten aus, sondern war auf unmittelbare Produktion angelegt. Um den (möglichen) Druck zu mildern, wurden anfänglich Team-Texte eingefordert mit der Aufforderung, ohne Kommunikation zwischen den Schreib-Partnern, Real-Surreal-Sätze zum Dialog zu formen, indem Bilder im Kopf zugelassen werden, ohne rationale, psychologische oder kulturelle „Klärung“, also alogische, irrationale Bilder zuzulassen ohne Selbstzensur. Die plenare Diskussion der „Dialoge“ ergab konkrete Figurenvorstellungen, an denen weiter gearbeitet wurde. Im nächsten Schritt sollte, ebenfalls in Partnerarbeit, im Stile einer Doku-Soap eine Zweierbeziehung thematisiert werden, die in der Monotonie des Alltags eskaliert und zur Trennung führt.
Schreiben heißt suchen. Wer sucht, der findet. Die 3. Übungseinheit diente der Wahrnehmungsschärfung: Unter dem Titel „Augen.Blicke.Paare“ hatten die Teilnehmer „Paare“ (und solche, die es gerne wären) im Alltag (Straße/Café/Kneipe etc.) zu beobachten in ihrem Beziehungsverhalten, in ihrer geschlechts- und altersspezifischen Haltung, Gestik und Mimik, und Gesprächsfetzen (oder vermutete Gedanken) zu notieren. Aus dem ergatterten Wahrnehmungsmaterial – verglichen mit eigenen Erfahrungswerten – sollte der Versuch unternommen werden, Grundeigenschaften und Momentzustände der Figuren abzuleiten auf der Suche nach einem (nicht unbedingt offensichtlichen) Konflikt (Geheimnis).
Die 4. Werkstatt sollte gleich zwei Möglichkeiten forcieren: Zum einen die Möglichkeit eines „Geheimnisses“ eröffnen, zum anderen für die Dramaturgie/Struktur eines Textes sensibilisieren. Die Autorinnen und Autoren hatten einen „nachhaltigen“ Traum/Alptraum niederzuschreiben, ohne mit den anderen darüber zu reden. Der Traum sollte anschließend in einer Art Story-Board auf maximal 10 Bilder reduziert werden. Die Traum-Bilder wurden, ohne von den Produzenten erklärt worden zu sein, zum Anlass für eigene „Interpretationen“. In einem letzten Schritt sollte nun eine Paar-Geschichte oder der Ansatz einer Paar-Geschichte entstehen unter Nutzung des Traums als Struktur oder als (dialogisches) Konflikt-Potenzial (Enthüllung/Verhüllung) bei gleichzeitiger Berücksichtigung des „Raums“.
Die hier veröffentlichten Ergebnisse dokumentieren die einzelnen Schritte der kurzen, aber arbeitsintensiven Arbeitszeit. Die Statements zeugen von der familiären Atmosphäre, in der Schreiben sein Aufgehobensein erlebt.
Peter Grosz


das ist jetzt zwar schon paar wochen her, aber so leicht gehn mir die ganzen lieben leut nicht ausm kopf, das war schön. das neue konzept hat uns allen gut getan, hat man gemerkt, jeder war ja "wow", was alles rauskommen kann, beim träume zeichnen, beim oppenheimer hochzeitgesellschaften ausspionieren und bei den cooperation-texten. wer weiß, wir hatten uns im anschluss an die workshoptage überlegt, vielleicht ein internetforum zu gründen, um wenigstens in dieser form weiter miteinander vernetzt zu arbeiten. Anna Theresia Bohn, 20, Oppenheim
Der Workshop zum Thema „Figurenzeichnung“ hat mir durch die verschiedenen Schreibaufgaben, an denen wir auch zu zweit gearbeitet haben, viele neue Ansätze für mein Schreiben eröffnet. So hat die enge Zusammenarbeit mit den anderen Teilnehmern zu intensivem Austausch von Erfahrungen und Ideen geführt und ich habe so weitere Impulse erhalten. Zudem wurde durch die kritische Auseinandersetzung mit eigenen und fremden Texten, sowie mit der eigenen Arbeitsweise, das Bewusstsein für Sprache und Stil erhöht. Ich hoffe, dass ich auch weiterhin die Möglichkeit bekomme, mich durch Schreibworkshops weiterzuentwickeln.

Melissa Schuh, 18, Selzen

Ich nehme seit mittlerweile fünf Jahren regelmäßig an den Workshops teil, und mit der Zeit verstehe ich immer besser, wie wichtig das für meine literarische Weiterentwicklung war und ist. Nach jedem Treffen bin ich beeindruckt von allem, was mir das Wochenende über begegnet ist, sowohl im Seminarprogramm als auch in den Texten der anderen Teilnehmer_innen. Jedes Mal kehre ich mit einem Kopf neuer Ideen nach Hause zurück. Diese Workshops sind für mich das wichtigste Forum, Bestätigung und Kritik für meine Texte zu erhalten. Und vor allem machen sie mir immer wieder Mut, Neues auszuprobieren.
Lisa Bendiek, 20, Hamburg

Ich möchte sagen: Es war ein guter Workshop. Ich gestehe: Das überrascht mich ein bisschen, weil ich furchtbare Angst hatte, vor einem etwaigen Produzier-Zwang, der meistens dafür sorgt, dass ich schlecht gelaunt in der hinteren Reihe sitze, rummöpere und Kaffee trinke, während alle anderen emsig über ihr Papier kratzen. Aber: Obwohl du uns durchaus anhieltest (oder es zumindest versucht hast... versuchen wolltest...) zu schreiben, hatte ich nicht das Gefühl, dass ich einen vorzeigbaren Text produzieren muss. Muss. Das liegt wahrscheinlich auch an mir... Trotzdem: Wichtig dabei: Dass die Übungen dennoch anregend waren. Abgesehen davon habe ich ein bisschen frischen Schreib-Mut gesammelt (Mehr aber eigentlich noch Mal-Mut, nach der Comic-esquen Übung...). Was ich anbei sende ist die überarbeitete Version des Textes, der am Freitag bei der Real-Surreal-Übung zu Papier gekommen ist. Alles andere ist momentan leider noch so in der Produktion, dass ich es nicht vorzeigen kann.
Annina Brell, 19, Kleve

Ich hoffe, dass dir das Seminar ähnlich gut gefallen hat wie uns, und dass du mit uns zufrieden warst, wenn du dir schon ein WE Zeit nimmst. Das Bedeutende an dieser Förderung ist, die Möglichkeit zu haben, in einem so inspirierenden Umfeld zu schreiben. Den Stil und die Entwicklung von Gleichgesinnten zu verfolgen. Ebenso über die Einstellung zum Schreiben usw. sprechen zu können. Das ist sonst im normalen Freundeskreis oder bei einmaligen Schreibworkshops seltener der Fall. Wirklich aufn letzten Drücker: mein Text im Anhang. Gut Ding will Weile haben? Ich hoffe jedenfalls, dass ichs in dem Text geschafft hab, die wertvollen Hinweise zu berücksichtigen. Der Teufel steckt wie immer im Detail. Wenn man anfängt, seinen Text so systematisch abzuklopfen wie im WS, wird der Text nie "fertig". Vielleicht habe ich gute Passagen gelöscht, vielleicht mittelmäßige. Schreiben ist Arbeit. Ich hatte einen langen Atmen, habe den Text oft umgestellt, ruhen lassen, von fern und nah betrachtet. Eine Din A4 Seite Autoren-Spielplatz ist das Endprodukt. Außerdem beobachte ich jetzt dauernd Leute.
David Wevers, 21, Freiburg

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