Schreibwerkstatt
mit Peter Grosz
Regina Fabry
Medusas Schlaf
Katia hat nur noch einen Schneidezahn, den anderen hat sie verloren, als sie als Kind von der Schaukel fiel und mit dem Kinn auf einen Baumstumpf schlug. Sie findet sich schön mit dieser Lücke, will den Zahn nicht ersetzen lassen. Meistens fällt Katia sein Fehlen kaum auf.
***
Als Trost schenkte der Vater ihr eine junge Katze, er brachte sie ihr am nächsten Tag nach der Arbeit mit. „Damit es nicht mehr so weh tut“, sagte er und Katia nickte.
Katia ging gebückt auf die Katze zu und streckte die Arme nach ihr aus. Sie lief weg und versteckte sich unter dem Wohnzimmersofa. „Du musst Geduld haben“, sagte der Vater. Katia zuckte mit den Schultern und ging in ihr Zimmer.
Sie ließ sich auf das Bett fallen und schloss die Augen, horchte auf das ferne Rauschen des Straßenverkehrs. Darüber schlief sie ein und wurde wach, als der Vater sie zum Abendessen rief.
Mühsam stand Katia auf und tappte in die Küche. Dort stand der Vater und hielt die schnurrende Katze auf dem Arm.
„Hier, nimm du sie mal. Sie gehört doch dir.“ Er hielt ihr das Tier entgegen.
Als sie es auf den Arm nehmen wollte, kratzte es, wand sich, sprang auf den Boden und lief weg. Katia lief eine Träne die blasse Wange hinunter und der Vater strich ihr über den Rücken.
„Papa, warum mag sie dich lieber als mich?“, fragte sie und schniefte.
„Das wird sich noch ändern.“
„Wenn sie mich nicht mag, mag ich sie eben auch nicht“, sagte Katia und verschränkte die Arme.
„Ich wollte dir nur eine Freude machen. Komm, jetzt setz dich und iss was.“
„Ich hab keinen Hunger. Ich geh ins Bett.“
„Wie du willst. Dann schlaf gut. Träum was Schönes.“
„Von Mama?“, fragte Katia.
„Vielleicht“, sagte der Vater und strich ihr über das dunkle Haar.
Als Katia am nächsten Tag von der Schule nach Hause kam, schmiss sie ihren Ranzen in den Flur und ging in den Garten. Sie setzte sich auf die Schaukel und stieß sich mit den Füßen vom Boden ab.
Die Katze war nach draußen gelangt und strich durch die ungepflegten Blumenbeete. Katia bückte sich und nahm einen kleinen Kieselstein in die Hand, sie tastete ihn ab und fühlte, wie glatt er war. Sie holte aus und traf die Katze am Rücken. Sie sprang erschrocken zur Seite und fauchte. Katia lachte auf und nahm einen größeren Stein. Sie warf ihn diesmal dicht neben die Katze, welche nun aufgeschreckt ins Haus lief.
Katia nahm dann einen Kiesel, der so groß war, dass sie ihn mit einer Hand nur mit Mühe umfassen konnte und folgte dem Tier. Es hatte sich unter dem Wohnzimmersofa versteckt, Katia setzte sich ihm gegenüber auf den Fußboden und wartete. Irgendwann kam das Tier unter dem Sofa hervor und lief in die Küche. Katia stand langsam auf und ging hinterher. Als sie dicht vor dem Tier stand, warf sie den Stein nach ihm und traf es am Kopf. Das Tier sank zusammen und zuckte. Blut lief aus dem kleinen Ohr und Katia drehte sich um und ging zurück in den Garten. Sie schaukelte und sang ein Lied, dass sie morgens in der Schule gelernt hatte, „Heaven is a wonderful place“, sang sie und sprang von der Schaukel. Polternd lief sie in die Küche. Der kleine Tierkörper zuckte nicht mehr.
***
Sie steht vor dem Badezimmerspiegel, die Oberfläche ist staubig und von Zahnpastaspritzern bedeckt, Katia wird den Spiegel säubern, bald, wenn sie in die Wohnung eingezogen sein wird.
Sie streift durch die einzelnen Räume, durch das große Zimmer mit dem dunklen Parkettboden, durch die Küche und das Schlafzimmer, streicht mit den Fingern an den weiß gestrichenen Wänden entlang und horcht auf den Klang ihrer Schritte. Katia stellt sich vor, wie es sein könnte, nach Hause zu kommen und niemanden anzutreffen, nur sich selbst in der Wohnung zu begegnen.
Sie denkt darüber nach und durchmisst die Zimmer, sucht nach Plätzen für ihre wenigen Möbelstücke, die sie mit in die Wohnung nehmen wird, ein schmales Regal, einen Kleiderständer, das Bett, ihren Schreibtisch. Katia mag leere Räume, in denen nur das Notwendigste vorhanden ist. Sie verlässt die Wohnung, schließt die Tür hinter sich ab und beginnt, sich an den Geruch des Treppenhauses zu gewöhnen. Katia geht langsam die Treppe hinunter, hört das Knarren der Stufen unter ihren Füßen. Ihre Hand fährt über das raue Treppengeländer.
***
Auf dem Weg von der Schule nach Hause ging Katia im Stadtpark spazieren, sie stapfte durchs Laub und horchte auf das Rascheln, das ihre Schritte hervorriefen. Die eine Hand hatte sie tief in der Hosentasche vergraben, in der anderen hielt sie eine Zigarette. Jemand sagte „Hallo Katia“ und ging neben ihr. „Hallo.“
„Weißt du, was wir in Deutsch aufhaben?“, fragte Marek.
„Ja, wir sollen dieses Gedicht aus dem Buch interpretieren.“
„Hast du´s schon gemacht?“
„Nee, mach ich heut Abend“, sagte sie und zog an ihrer Zigarette. Katia musterte Marek und beschleunigte ihren Schritt. „Ich muss dann auch mal nach Hause.“
„Darf ich dich was fragen?“
„Was?“
„Warum bist du eigentlich so komisch?“, fragte er.
„Wieso komisch?“
„Du gehst abends nie weg, du sprichst mit keinem und so.“
„Na und?“
„Naja, ich meine ja nur. Ich frag mich, ob es für dich okay ist.“
„Ja, es ist okay“, sagte Katia und trat ihre Zigarette aus.
„Möchtest du vielleicht trotzdem morgen Abend zu meiner Party kommen? Ich würde mich freuen. Komm doch einfach vorbei, ich feiere bei mir zu Hause. Die Adresse steht ja auf der Stufenliste.“
„Mal sehen. Wahrscheinlich eher nicht“, sagte Katia und sah an ihm vorbei. Marek zuckte mit den Schultern, verabschiedete sich und schlenderte davon.
Katia ging nach Hause und kochte für ihren Vater. Als sie den Tisch deckte, klingelte das Telefon. Der Vater sagte, dass er mit seiner Freundin essen gehe und erst spät nach Hause kommen werde.
„Ist gut. Ich hab nur grad was gekocht.“
„Tut mir leid. Also, wir sehen uns morgen früh, ja?“
„Ja“, sagte Katia und legte den Hörer auf.
Sie trottete zum Herd, nahm den Kochtopf und schüttete den Inhalt ins Klo. Dann ging sie in ihr Zimmer. Sie legte sich aufs Bett und rauchte eine Zigarette, sie hörte dem Regen zu, der an die Fensterscheibe schlug. Darüber wurde sie so müde, dass sie bald einschlief und erst am nächsten Morgen vom Klingeln des Weckers geweckt wurde.
Als sie am Nachmittag von der Schule nach Hause kam, setzte sie sich auf die Fensterbank und las in einem Buch. Gelegentlich blickte sie auf und sah aus dem Fenster. Wieder regnete es. Irgendwann wurde ihr das Buch zu langweilig und sie ging ins Bad. Sie duschte, stand lange unter dem heißen Wasserstrahl. Als sie vor dem Badezimmerspiegel stand, öffnete sie leicht den Mund, sodass sie ihre Zahnlücke sehen konnte, und lächelte ihr Spiegelbild teilnahmslos an. Sie zog sich an und ging in ihr Zimmer. Sie suchte Mareks Adresse raus verließ das Haus.
Sie klingelte an der Haustür und Marek öffnete ihr. Er sah sie erstaunt an.
„Hallo, Katia. Ich hab nicht mit dir gerechnet.“
„Naja, wer tut das schon?“
„Das stimmt“, sagte Marek grinsend und bat sie herein.
Katia betrat das Wohnzimmer und wurde argwöhnisch gemustert.
Sie sagte leise „Hallo“ und lehnte sich an den Türrahmen.
Marek stellte sich neben sie und drückte ihr ein Bier in die Hand. Katia bedankte sich und nahm einen großen Schluck aus der Flasche.
„Wieso bist du doch gekommen?“
„Weiß ich nicht. Mir war danach.“
„Na dann“, sagte Marek und ging zu den anderen.
Sie hörte der Musik zu, konzentrierte sich auf den dröhnenden Bass, sie schnappte einzelne Gesprächsfetzen auf. Sie trank ihr Bier in schnellen Zügen und als es leer war, ging sie in die Küche und füllte ein Glas mit Wodka. Sie trank es aus und nahm ein paar weitere Schlucke aus der Flasche.
Auf dem Weg zurück ins Wohnzimmer sprach Marek sie an.
„Amüsierst du dich?“
„Klar.“
„Hast du Zigaretten?“ Katia nickte.
„Wollen wir draußen eine rauchen?“
„Von mir aus.“
Sie gingen vor die Haustür und zündeten sich ihre Zigaretten an. Katia wurde schwindelig.
„Ich finde dich interessant, irgendwie.“ Marek zog an seiner Zigarette.
„Wieso?“
„Weiß ich nicht. Weil du so ganz eigen bist. Ein bisschen verrückt. Und ich mag deine Zahnlücke.“
„Ach ja?“, sagte Katia und zog an ihrer Zigarette.
„Ja, wirklich“, sagte Marek und trat näher an sie heran.
Er strich ihr über den Oberarm. Katia sah an ihm vorbei, trat ihre Zigarette aus und verschränkte die Arme.
Marek küsste sie auf den Mund und Katia wich zurück.
„Nun hab dich doch nicht so“, sagte er und warf seine Zigarette ins Blumenbeet.
„Ich will das eigentlich nicht.“
„Und uneigentlich?“ Marek drückte sie fest an sich und küsste sie erneut. Zögerlich erwiderte Katia seinen Kuss.
Marek tastete mit der Hand über ihre Brüste.
„Lass uns wieder rein gehen“, sagte Katia.
Marek nickte.
Als Katia das Wohnzimmer betrat, wurde sie von den anderen gemustert. Aus einer Ecke des Zimmers drang Gelächter. Katia zog ihren Mantel aus und legte ihn auf die Lehne eines Sessels.
„Wo ist denn die Toilette?“, fragte sie Marek.
„Im ersten Stock. Warte, ich zeig dir, wo es ist.“
Sie gingen die Treppe hinauf, die Stufen knarrten unter ihren Füßen. Marek wies auf eine Tür, Katia betrat das Bad und schloss die Tür hinter sich ab.
Sie wusch sich die Hände und hielt ihr Gesicht unter den kühlen Wasserstrahl. Sie trocknete sich ab und warf einen Blick in den Spiegel. Ihr Spiegelbild runzelte die Stirn und wandte sich ab. Katia verließ das Badezimmer. Vor der Tür wartete Marek. Er drückte sie an sich und küsste sie.
„Lass das“, sagte Katia.
„Gefällt es dir nicht?“
„Ich weiß nicht.“
„Na dann“, sagte Marek, schob sie in ein Zimmer hinein. Er schloss die Tür und machte Licht. An den Wänden hingen Filmplakate und Fotos, es roch nach Rasierwasser.
Marek küsste Katia wieder auf den Mund und sie erwiderte den Kuss. „Zieh deine Bluse aus“, sagte er.
Katia sah ihn lange an und tat schließlich, was er ihr gesagt hatte. Marek küsste sie auf die Wange und umarmte sie. Er öffnete ihren Büstenhalter und ließ ihn zu Boden fallen.
Dann trat er zurück und grinste. Er öffnete die Tür.
„Hat dir eigentlich schon mal irgendjemand gesagt, wie hässlich du bist? Kein Wunder, dass du keine Freunde hast. Sieh dich doch mal an. Mit jemandem wie dir will doch keiner was zu tun haben. Bekloppt und hässlich, dass ist die letzte Scheißkombination.“
Katia hatte Tränen in den Augen. Sie griff nach ihrer Bluse und zog sie sich schnell an.
„Was soll das?“
„Was soll was? Dachtest du wirklich, dass ich jemanden wie dich mögen könnte? So ein Monster wie dich?“, schrie er.
„Lass mich in Ruhe“, sagte Katia leise.
Marek wischte sich mit der Hand über den Mund und sah Katia angewidert an. Sie verließ das Zimmer und polterte die Treppe hinunter. Sie ging ins Wohnzimmer und griff nach ihrem Mantel, hörte das höhnische Gelächter der anderen und sah lauter grinsende Grimassen. Sie stürmte aus dem Haus und knallte die Tür hinter sich zu.
Katia rannte durch die spärlich beleuchteten Straßen nach Hause. Sie ignorierte das immer stärker werdende Schwindelgefühl und die Tränen, die ihr hin und wieder in die Augen traten. Außer Atem schloss sie die Haustür auf, zog sich Mantel und Schuhe aus und betrat das Bad.
Sie ließ die Badewanne voll laufen und stieg in das heiße Wasser. Sie schloss die Augen und konzentrierte sich auf das Schwindelgefühl.
***
Ein paar Tage später hat sie sich in der Wohnung eingerichtet, die Möbel aufgestellt, die meisten ihrer Umzugskartons ausgepackt. Die Bücher hat sie, nach Farben des Einbandes geordnet, ins Regal gestellt, die Anziehsachen an den Kleiderständer im Schlafzimmer gehängt. Sie bezieht das Bett mit frischen Laken, dunkelt das Zimmer ab und setzt sich im Schneidersitz auf den Boden. Sie horcht in die Wohnung hinein, hört nur vereinzelt Straßenlärm, der durch das Fenster nach innen dringt und gelegentlich das Telefonklingeln aus der Nachbarwohnung.
Die ersten Tage in der neuen Wohnung haben ihren eigenen Rhythmus zwischen Aufstehen und Zubettgehen. Nach der Arbeit im Labor geht Katia auf direktem Weg nach Hause, isst unterwegs mit gierigen Bissen. Die Küche betritt sie selten, der Kühlschrank ist nicht angeschlossen. Dann setzt sie sich auf den Boden im Wohnzimmer und liest, bis sie zu müde wird. Es sind immer die gleichen Bücher, die gleichen Geschichten, die gleichen Wortkombinationen, oft gelesen, nicht oft genug.
Mittlerweile kann Katia die einzelnen Geräusche, die sie in der Wohnung wahrnimmt, genau zuordnen. Das Klappern der Briefkastendeckel im Hausflur, das gedämpfte Knarren der Stufen im Treppenhaus. Wenn sie die Augen schließt und sich ganz auf das Knarren konzentriert, versucht sie sich vorzustellen, wie die Personen aussehen könnten, die die Treppe hinauf und hinab gehen.
Nach der Arbeit im Labor geht Katia nicht direkt nach Hause, sie fährt mit dem Bus zum Tierheim. Sie betritt den Raum, in dem die Hauskatzen untergebracht sind. Es stinkt nach Kot und Urin, einige Tiere kommen auf sie zu und streichen um ihre Beine, wollen ihre Aufmerksamkeit einfangen. Sie beugt sich zu ihnen hinunter und streicht über ihr Fell. Abseits sieht sie eine graue Katze von schlanker Gestalt, die sie beobachtet. Katia sieht ihr in die gelben Augen und geht auf sie zu, langsam und in gebückter Haltung. Die Katze weicht nicht zurück, sie streckt ihr den kleinen grauen Kopf entgegen. „Dich nehme ich mit. Du wirst es gut haben“, flüstert sie und verlässt den Raum.
Während der Busfahrt gibt die Katze in der engen Transportbox klagende Laute von sich und Katia ist erleichtert, als sie die Wohnung betritt und das Tier befreien kann. Katia verlässt noch einmal die Wohnung, kauft Futter und Streu und beeilt sich, nach Hause zu kommen. Die Katze hat sich auf den blanken Boden gelegt, die Pfoten von sich gestreckt und hebt den Kopf, als Katia auf sie zugeht. Sie beugt sich zu ihr hinab und streichelt sie. Ich nenne dich Medusa, sagt Katia und setzt sich neben das Tier. Du bist Medusa.
Katia beobachtet die Katze dabei, wie sie durch die Wohnung streift, an den Wänden entlang, oder sich auf das Fensterbrett im Schlafzimmer setzt und vorbeifliegende Vögel beobachtet. Sie lässt alle Türen der Wohnung offen, damit Medusa sich frei bewegen kann. Katia hat sich für ein paar Tage Urlaub genommen, im Labor ist nicht viel zu tun und sie möchte Medusa nicht alleine lassen.
Wenn Katia auf dem Fußboden sitzt und liest, legt sich die Katze manchmal auf die Oberschenkel ihrer ausgestreckten Beine, dann vergräbt Katia ihre Hände im dichten Fell und lauscht Medusas Schnurren. Manchmal liest sie dem Tier aus ihren Büchern vor, um die eigene Stimme zu hören und um Medusa an den Worten teilhaben zu lassen.
Bisher hat Katia das Telefon nicht anschließen lassen. Sie hat kein Bedürfnis, jemanden anzurufen und wahrscheinlich würde die Stille in der Wohnung nur selten durch das Läuten des Telefons durchbrochen werden. So wie sie auch davon ausgeht, dass die Klingel der Wohnungstür selten betätigt werden wird.
Drei Mal am Tag füttert Katia die Katze, dann setzt sie sich zu Medusa auf den Boden und sieht ihr zu, wie diese das Futter verschlingt und sich anschließend ausgiebig putzt, sich dann auf den Boden legt und die Augen schließt. Wenn Medusa schläft, geht Katia oft ins Badezimmer und säubert den Spiegel, befreit ihn von Flecken und Staub, bis die Oberfläche glänzt und beobachtet ihre Bewegungen. Dann mustert sie ihren Mund mit den spröden Lippen und der Zahnlücke, sieht ihr Spiegelbild traurig an, bevor sie wieder zurück zu Medusa geht und sie betrachtet.
Katia verlässt nur noch selten die Wohnung, um Futter für Medusa zu kaufen und für sich Konserven und Schokolade. Sie kauft nur Lebensmittel, die sie außerhalb des Kühlschranks aufbewahren kann. Sie hat ihn immer noch nicht an den Strom angeschlossen, sein Surren würde die Wohnung verfremden.
An der Kasse im Supermarkt steht sie mit unruhigem Blick, das Licht ist zu grell, die Geräuschkulisse zu laut, quengelnde Kinder und zitternde alte Menschen stehen zu nah vor und hinter ihr in der Warteschlange. Kat
ia kauft so viel ein, wie sie tragen kann, um die Häufigkeit ihrer Einkäufe zu reduzieren, schleppt sich dann mit den schweren Tragetaschen zum Wohnhaus und die Treppe hinauf.
Sie betritt das Badezimmer, stapelt die Futterdosen, Konserven und Schokoladetafeln auf dem Boden und ruft Medusas Namen. Das graue Tier kommt zu ihr, begrüßt sie mit einem heiseren Laut und reibt ihren zierlichen Körper an Katias Beinen. „Du magst mich, nicht wahr?“, sagt sie.
Katia nimmt die Katze auf den Arm und streichelt sie.
Dann geht sie mit Medusa ins Schlafzimmer, legt sie auf das Laken ihres Bettes, setzt sich daneben und beobachtet sie.
Sie lässt die Rolläden herunter, sieht nur noch Medusas Umrisse. Katia legt ihren Kopf neben den kleinen Körper der Katze und horcht auf den Rhythmus ihres Atems.
Allmählich passt sie sich ihm an, atmet gleichzeitig mit Medusa.
Katia erwacht davon, dass die Katze mit ausgefahrenen Krallen kleine Löcher in das Bettlaken reißt. Sie erhebt sich ruckartig und schubst Medusa zur Seite. Sie gibt ihr einen Klaps auf den Kopf, die Katze faucht und kratzt Katia an den Händen und Unterarmen. Sie schreit das Tier an, welches darufhin das Zimmer verlässt. Katia betrachtet ihre Kratzspuren und sieht dem Blut zu, wie es langsam aus den Wunden tritt. Katia geht hinter der Katze her, folgt ihr ins Wohnzimmer, wo sie sich im Regal hinter einer Bücherreihe verkrochen hat.
Das hättest du nicht tun sollen, Katze, sagt Katia in Richtung Regal, ihre Stimme ist heiser. Sie setzt sich auf den Boden und wartet darauf, dass die Katze zu ihr kommt.
Sie sitzt lange da, die Beine von sich gestreckt und starrt auf die Buchrücken, hinter denen sich Medusa verbirgt. Die Katze versucht, ihre Krallen an den Buchrücken zu schärfen, Katia hört das Kratzen und sieht, wie die Bücher bewegt werden. Sie nimmt die Bücher aus dem Regal und fasst das Tier am Genick. Ihr Fell sträubt sich, sie faucht, sodass Katia erschrickt und das Tier loslässt.
Sie geht ins Badezimmer und knallt die Tür hinter sich zu, schließt sie ab und lässt Wasser in die Badewanne einlaufen. Sie atmet tief durch und schüttet so viel Badeöl hinein, bis der ganze Raum nach Lavendel duftet.
Sie stellt das Wasser ab, zieht sich aus und steigt in die Wanne. Es dauert einige Zeit, bis sich ihr Körper an das heiße Wasser gewöhnt hat und sie sich ganz in die Wanne sinken lassen kann. Sie lehnt ihren Kopf an das eine Ende der Badewanne und schließt die Augen. Sie spürt das leichte Brennen, das das Badewasser auf Händen und Unterarmen auslöst, und atmet tief ein und aus.
Als Katia erwacht, hört sie die Katze, die an der Tür kratzt und Schreie von sich gibt. Katia bleibt in der Wanne liegen, obgleich ihr kalt ist, sie weiß nicht, wie lange sie schlafend im mittlerweile kalten Badewasser gelegen hat. Sie öffnet dem Tier nicht die Tür. Während das Kratzen leiser wird, nur noch erahnbar, wird das Maunzen lauter. Katia horcht auf die Frequenz dieser Laute.
Sie steigt aus der Wanne, trocknet sich zitternd ab und legt sich nackt auf die Badezimmerfliesen. Sie hört das Knurren ihres Magens, ohne ein Hungergefühl zu spüren und greift schließlich zu einer Tafel Bitterschokolade, die neben ihr auf dem Boden liegt. Sie reißt die Verpackung auf und bricht mehrere Stücke von der Tafel ab, nimmt sie in den Mund und lässt sie langsam auf der Zunge zergehen.
Als sie die halbe Tafel gegessen hat, wird ihr von dem bittersüßen Geschmack so schlecht, dass sie sich über die Kloschlüssel beugt und sich erbricht. Sie wischt sich angewidert mit der Hand über den Mund, legt sich erneut auf die Badezimmerfliesen und schließt die Augen. Katia lässt die Zeit vergehen, schwebt in einem Zustand zwischen Wachsein und Schlafen, alles wird von den Geräuschen des Tieres begleitet.
Katia wird von der Kälte geweckt, die sich in ihrem ganzen Körper ausgebreitet hat. Sie verspürt Durst und steht auf, geht zum Waschbecken, öffnet den Wasserhahn und trinkt ein paar Schlucke kühles Leitungswasser. Sie betrachtet sich im Spiegel, sieht die dunkel umrandeten Augen, die strähnigen Haare, die bläulichen Lippen, die sie soweit öffnet, bis sie ihre Zahnlücke sehen kann. Sie betrachtet die eingefallenen Schultern, die kleinen Brüste, die Narbe oberhalb des Bauchnabels. Sie wendet sich ab und zieht ihre Kleidung an, die ordentlich zusammengefaltet neben der Duschkabine liegt. Sie horcht in die Wohnung hinein, hört das Knarren der Treppenstufen im Flur, in der Nachbarwohnung klingelt das Telefon. Das Kratzen und die Laute der Katze hört Katia nicht. Langsam geht sie auf die Badezimmertüre zu und schließt sie vorsichtig auf.
Sie öffnet die Tür einen Spalt. Immer noch hört sie das Tier nicht, sie betritt den Flur. Sie geht auf den grauen leblosen Tierkörper zu, der in der Mitte des Flures liegt, setzt sich vor ihn auf den Boden. Medusa, sagt Katia und ihre Finger streichen über das weiche Fell des Kopfes.
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